Selbsthilfegruppe Schlaganfall Bad Hersfeld e.V. - Foto: www.pixelio.de - hofschlaeger

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Fundgrube

 

EINE GESCHICHTE

Es ist Sommer und viele können durchatmen. Die Kinder haben Ferien. Die Erwachsenen Urlaub. Für kurze Zeit der Abschied vom Muss. Du darfst. Aber wer so das ganze Jahr rotiert, hat es nicht ganz leicht abzuschalten. Manche werden sogar schlicht dazu gezwungen. Da wehrt sich dann der Körper

Ich erzähle Ihnen die Geschichte von einem Mann, der nicht abschalten konnte:

Plötzlich war da der hohe Ton. Wie eine scharfkantige, silbrige Säule stand er da in seinem Kopf. So als würdepausenlos ein Wecker klingeln. Erst dachte er, das Fax sei kaputt oder der Ton komme vielleicht aus dem Computer. Nach einiger Zeit wurde ihm jedoch klar, dass der Ton in seinem eigenen Kopf schrillte.

Es dauerte einige Tage, bis er sich die Zeit nehmen konnte, um seinen Arzt aufzusuchen. Termine. Wichtige Termine. „Tinnitus“, sagte der Arzt. „Hörsturz“ als ihm sein eiliger Patient von dem schrillen Dauerton im Kopf erzählte. „Sofort an den Tropf, sofort ins Krankenhaus! Warum sind Sie denn nicht schon eher gekommen? Jetzt kann es sein, dass Sie diesen Ton ein Leben lang behalten!“

Da lag er nun in einem weiß-gestrichenen Raum unter weißen Laken, an Schnüren und Schläuchen und der Kopf hörte nicht auf zu wimmern. Die Ärzte stellten fest, dass der Patient organisch ganz gesund sei. Der Tinnitus sei wohl „stressbedingt“.

In den ersten Tagen war der Patient sehr ruhelos. Er verlangte ein Einzelzimmer und dass unverzüglich ein Telefon an sein Bett gestellt werde. Er müsse wichtige Geschäfte abwickeln. Und das Telefon im Krankenhaus klingelte ebenso häufig, wie in seinem Büro.

Am dritten Tag wachte er mit einem Ruck auf. Er hatte den Ton in seinem Ohr wieder mit seinem Wecker verwechselt. Der Morgen dämmerte und „sein“ Wecker klingelte in seinem Kopf. „Vielleicht will mich dieser Ton wirklich wecken?“, dachte er im Halbschlaf. „Vielleicht will er mich aus meinem bisherigen Leben aufwecken?“

Und seine Tage liefen wie im Film vor seinem inneren Auge ab. Büro, Telefon, Flughafen, ICE, Anzug und Krawatte. Handy, Meetings, Kalkulationen, Präsentationen, Geld.

„Wann warst Du das letzte Mal im Kino?“, fragte er sich überrascht „oder Segeln?“

Unabweisbar wuchs in ihm das Gefühl, er habe etwas versäumt und gerade noch rechtzeitig sei er geweckt worden.

„Wir bringen unsere Tage zu wie ein Geschwätz“ mahnt der 90. Psalm und empfiehlt das Leben vom Ende her zu denken.

Und – so von hinten betrachtet, sortiert sich das Leben von selbst.

Da fragt man seine Arbeit, für wen sie denn nütze ist. Und da fragt man die Freizeit, ob sie auch Freiheit geschenkt hat. Und man fragt nach der Liebe und nach der Treue. Man fragt, ob man seinen Kindern in die Augen sehen kann und welche Gewissheiten am Ende bleiben.

Dabei können schon ganz kleine Regeln weiterhelfen:

 

1.       Du sollst nicht versuchen, es jedem recht zu machen.

2.       Du sollst dir genügend Zeit für deine Freunde, deine Familie, für dich selbst nehmen.

3.       Du sollst regelmäßig abschalten und nichts tun.

4.       Du sollst ab und zu langweilig, unelegant, ungepflegt und unattraktiv aussehen dürfen.

5.       Du sollst aufhören, dich selbst zum ärgsten Feind zu haben.

6.       Du musst nicht mit allem allein fertig werden.

 

Vielleicht kann uns ja auch der Gedanke wachrütteln, dass Gott uns Menschen unsere Lebenszeit ganz einfach geschenkt hat. Unser Leben ist eine einmalige Spanne. Es lässt sich nichts rückgängig machen und nichts wiederholen. Und die vergehenden Jahre mit den wechselnden Jahreszeiten schlagen den Rhythmus und unser Körper schwingt im Takt unseres Alters mit und Gott ordnet unsere Zeit in Tage der Arbeit und Tage der Ruhe, in Tage der Trauer und Tage der Freude. Man kann sich ihm anvertrauen, wie einem Boot, das auf dem Wasser wiegt.

 

Wort zum Sonntag vom 07. August 2004, gesprochen von Johanna Haberer